Carl Schuch im Städel: Der moderne Blick des großen Unbekannten
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Foto: Städel Museum ©
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In der Kunstgeschichte gibt es Namen, die jeder kennt, und Namen, die nur Experten flüstern. Und dann gibt es Carl Schuch. Er gilt als der „bekannteste Unbekannte“ des 19. Jahrhunderts – ein Maler, dessen Werk oft im Schatten seiner berühmten Zeitgenossen stand, der aber in Wahrheit einer der radikalsten Vorreiter der Moderne war. Das Städel Museum in Frankfurt widmet diesem faszinierenden Künstler nun eine umfassende Ausstellung, die nicht weniger leistet als eine historische Korrektur. Unter dem Titel „Carl Schuch und Frankreich“ wird nicht nur ein Werk gezeigt, sondern ein Dialog eröffnet, der beweist: Dieser Wiener Maler war kein stiller Beobachter, sondern ein Akteur auf Augenhöhe mit der europäischen Avantgarde.
Ein Europäer in Paris
Die Ausstellung räumt mit dem Missverständnis auf, Schuch sei ein isolierter deutscher Realist gewesen. Tatsächlich war Carl Schuch (1846–1903) ein rastloser Kosmopolit. Er lebte und arbeitete in Venedig, München, Brüssel – und vor allem in Paris. Genau hier setzt das Städel an. Die Kuratoren stellen Schuchs Arbeiten direkt neben die Meisterwerke seiner französischen Zeitgenossen: Gustave Courbet, Édouard Manet, Claude Monet und Paul Cézanne. Dieser direkte Vergleich ist mutig, denn er offenbart keine Nachahmung, sondern eine Wahlverwandtschaft. Wenn man vor Schuchs Landschaften steht, sieht man nicht den Versuch, wie ein Franzose zu malen. Man sieht einen Künstler, der dieselben Fragen an die Malerei stellt: Wie fängt man Licht ein, ohne die Form zu verlieren? Wie wird Farbe zur Struktur? Schuch saugte die Impulse der Schule von Barbizon und des jungen Impressionismus auf, aber er verarbeitete sie zu einer ganz eigenen, fast analytischen Bildsprache.
Das Stillleben als Labor
Das Herzstück der Ausstellung – und vielleicht auch von Schuchs gesamtem Schaffen – sind seine Stillleben. Für viele Besucher mag das Wort „Stillleben“ nach staubigen Obstschalen klingen, doch bei Schuch wird dieses Genre zum aufregendsten Labor der Malerei. Hier, im Arrangement von Äpfeln, toten Vögeln oder einfachen Küchenutensilien, befreite sich Schuch von jedem erzählerischen Ballast. Es ging ihm nicht darum, einen schönen Apfel zu malen, den man essen möchte. Es ging ihm um das „Peintre-pur“ – die reine Malerei. Besonders im Dialog mit Paul Cézanne wird dies deutlich. Beide Maler nutzten das Stillleben, um die Wirklichkeit in Farbe und Form zu zerlegen. Doch während Cézanne oft das Konstruierte, das Architektonische suchte, spürt man bei Schuch eine unglaubliche stoffliche Dichte. Seine Pinselstriche sind satt, fast skulptural. Er malt nicht die Oberfläche der Dinge, sondern ihre Existenz. Ein silberner Löffel oder ein Kohlkopf erhalten bei ihm eine monumentale Würde, die weit über das Motiv hinausgeht. Es ist diese Ernsthaftigkeit, die Schuch so modern macht. Er malte die Dinge nicht, um sie abzubilden, sondern um durch sie die Malerei selbst zu verstehen.
Die Farbe als Hauptdarsteller
Ein weiterer Höhepunkt der Schau ist die Entwicklung seiner Farbpalette. Während seine frühen Werke oft noch in der dunklen Tradition des Leibl-Kreises stehen (jenem Kreis um Wilhelm Leibl, der den Realismus in Deutschland prägte), bricht in seiner Pariser Zeit das Licht durch. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie Schuch beginnt, Schwarz nicht mehr als Dunkelheit, sondern als Farbe zu begreifen – eine Lektion, die er von Manet lernte. Seine späten Werke sind heller, offener, aber sie verlieren nie ihre Schwere. Es ist ein Paradox, das Schuch meisterhaft beherrschte: Seine Bilder wirken luftig und doch erdenschwer. Er erreichte eine „tonige“ Malerei, bei der alle Farben in einer harmonischen Gesamtstimmung schwingen, ohne dass die Leuchtkraft einzelner Akzente verloren geht.