Frankfurter Kunstherbst 2025: Anatomie der Stadtseele
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Frankfurt am Main tritt im Kunstherbst 2025 mit einer bemerkenswerten kuratorischen Geschlossenheit auf. Die Stadt, deren Identität traditionell zwischen Finanzlogik und kritischer Theorie oszilliert, nutzt ihre Museen als Sonden in die eigene Vergangenheit und Zukunft. Im Fokus steht die Neudefinition von Kanon und Körper in einer Ära tiefgreifenden Wandels.
Das Städel und die Aktualisierung der Tradition
Das Städel Museum präsentiert in diesem Herbst zwei programmatisch unterschiedliche Schauen. Mit Carl Schuch und Frankreich (ab 24. September) beleuchtet das Haus einen weniger beachteten Wegbereiter der modernen Malerei und untersucht die tiefgreifenden Einflüsse französischer Kunst auf die deutsche Avantgarde. Gleichzeitig wagt das Städel den mutigen Bruch, indem es die zeitgenössische Skulptur von Asta Gröting in den Dialog stellt. Die Ausstellung Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve (ab 5. September) lenkt den Blick auf die Fragilität des Körpers und die Ästhetik der Leerstelle. Dieses Zusammenspiel beweist, dass die Auseinandersetzung mit der Tradition am stärksten ist, wenn sie durch radikale, aktuelle Positionen gebrochen und so für das Hier und Jetzt neu belebt wird.
Feministische Neuvermessung und Konzeptkunst
Die Schirn Kunsthalle setzt ein klares Statement zur notwendigen Revision des historischen Kanons der Moderne. Mit der Retrospektive zu Suzanne Duchamp (ab 10. Oktober), der Schwester von Marcel Duchamp, wird eine zentrale, lange Zeit übersehene Figur der Dada- und Konzeptkunst gewürdigt. Diese Ausstellung fordert eine tiefgreifende Korrektur des patriarchalen Narrativs und rückt die weibliche Avantgarde in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Parallel dazu wird im MMK (Museum für Moderne Kunst) mit der Einzelausstellung von Trisha Donnelly (im TOWERMMK) die Konzeptkunst in ihrer aktuellen, medienreflektierten Form verhandelt. Donnellys Arbeit, die oft rätselhaft und performativ ist, unterstreicht die intellektuelle Wucht, mit der das MMK zeitgenössische Diskurse über Wahrnehmung und Materialität vorantreibt.
Der Blick über den Main: Körper, Materie und Dialog
Die spannendsten Diskurse Frankfurts finden oft in der Schnittmenge von Wissen und Ästhetik statt. Der Frankfurter Kunstverein widmet sich mit Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft (ab 2. Oktober) einem höchst aktuellen Thema. Hier wird die menschliche Hülle nicht als Ideal, sondern als verletzliches und durch Technologie veränderbares System verhandelt.
Besonders hervorzuheben ist auch das Liebieghaus Skulpturensammlung. Mit der Verlängerung der Schau Isa Genzken meets Liebieghaus (läuft bis 26. Oktober) wird die radikale Formensprache der Gegenwart mit der 5.000 Jahre alten Skulpturensammlung verschränkt. Diese Inszenierung beweist, dass die Aura der Institution nicht im Festhalten an der Vergangenheit liegt, sondern in ihrem mutigen Dialog mit der Gegenwart.
Kunst als Kompass im Frankfurter Herbst
Der Frankfurter Kunstherbst 2025 ist somit ein Spiegel der Selbstbefragung. Die Ausstellungen fordern den Besucher auf, sich mit der Relevanz der Tradition, der korrigierenden Kraft der Gegenwart und der Fragilität der menschlichen Existenz auseinanderzusetzen. Sie belegen, dass die wahre Wertschöpfung in Frankfurt in der kuratorischen Tiefe und im intellektuellen Anspruch liegt.